Nachhaltigkeit: Warum viele Studien widersprüchlich sind

Dr. Hans R. Amrein
Dr. Hans R. Amrein
Keine Woche vergeht, in der nicht eine neue Umfrage zum Thema „Nachhaltigkeit und Geschäftsreisen“ vorgelegt wird. Dabei kommen die Befragungen und Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen, was die Bedeutung des Klimaschutzes im Tourismus- und Reisemanagement angeht.

Eigentlich sollte es längst eine Binsenweisheit sein, die jede weitere Studie überflüssig macht: Das Thema Nachhaltigkeit ist für die Reisebranche und die Hotellerie im Verlauf der vergangenen Jahre wichtiger geworden. Das gilt auch – oder sogar erst recht – für den Business-Travel-Bereich. Dennoch legen Anbieter, PR-Agenturen und Branchenverbände etwa im Wochentakt neue Umfragen und Studien zu diesem Thema vor. Doch längst nicht alle kommen dabei zum erwarteten Ergebnis, nämlich dass Unternehmen bei der Geschäftsreiseplanung inzwischen den größten Wert auf Umweltschutz legen. Vielmehr widersprechen sich die Resultate.

Die neueste Umfrage stammt vom Deutschen Reiseverband (DRV). Sie kommt zum wenig erstaunlichen Resultat, dass das Umweltbewusstsein der Firmen steigt. Angeblich 56 Prozent der Unternehmen mit mindestens 250 Mitarbeitern berücksichtigen demzufolge ökologische und soziale Standards bei der Buchung von Geschäftsreisen – sechs Prozentpunkte mehr als Anfang 2019.

Dies geschehe zum Beispiel dadurch, dass Geschäftsreisende versuchen, mehrere Termine miteinander zu verbinden – das sagen sogar zwei Drittel der befragten Unternehmen. Zudem führten 54 Prozent der Reisenden die benötigten Unterlagen nicht mehr auf Papier, sondern nur noch digital mit sich. Und schließlich hätten 60 Prozent der Unternehmensvertreter angegeben, echte Reisen verstärkt durch virtuelle Treffen zu ersetzen.

Interessant: Kürzlich erst kam eine großangelegte Umfrage des Zahlungsanbieters Airplus zum Ergebnis, dass bei Geschäftsreisen nach wie vor Kosten, Sicherheit und Komfort eine größere Rolle spielen als Nachhaltigkeit. Auch wenn in den (theoretischen) Debatten Klimaschutz-Themen oft im Vordergrund stünden, würden sie in der Praxis keinesfalls immer umgesetzt. Und knapp die Hälfte der von Airplus befragten Manager (48 Prozent) geht dabei davon aus, dass sich die Priorisierung von Kosten und Sicherheitauch in den kommenden zwei bis fünf Jahren nicht ändern wird.

Vor allem unterschiedlich gestellte Fragen dürften zu den unterschiedlich ausfallenden Ergebnissen führen. So dürfte kaum ein Unternehmen von sich behaupten, dass Klimaschutz-Aspekte überhaupt keine Rolle spielten. Was darunter verstanden wird und zu welchen CO2-Einsparungen es tatsächlich führt, dürfte auf einem anderen Blatt Papier – pardon, in einer anderen App – stehen. Hingegen könnte eine Priorisierung verschiedener Kritierien schon realitätsnäher ausfallen.

Und natürlich kommt es am Ende auf die Interpretation der Resultate an. Denn auch der Airplus-Studie zufolge haben immerhin 47 Prozent der befragten Unternehmen bereits konkrete Klimaschutz-Maßnahmen umgesetzt, was nicht allzu weit von den 56 Prozent aus der DRV-Studie entfernt ist.

Andererseits kann der Airplus-Studie zufolge überhaupt nur ein Drittel der Firmen feststellen, wie hoch die von ihr verursachten CO₂-Emissionen überhaupt sind. Und nur jedes vierte Unternehmen zahlt für die Kompensierung. Selbst über diese Zahl würden sich Klimaagenturen in der Realität allerdings sehr freuen.

Quellen: Airplus, Deutscher Reiseverband, 2022

Zum Autor:
Dr. Hans R. Amrein ist seit vielen Jahren Publizist und Journalist. Der gebürtige Luzerner hat in Bern und London Musik, Musikwissenschaften und Geschichte studiert (PhD). Er arbeitete viele Jahre als Korrespondent im Ausland – unter anderem in London und Asien – war Reporter in Krisengebieten und in den letzten 20 Jahren für Verlagshäuser in der Schweiz und Deutschland als Zeitschriften-Projektentwickler und Chefredaktor tätig. Hierzu zählen unter anderem Ringier Schweiz, Burda Verlag München, Merkur Gruppe, München und AZ Medien Schweiz. Von 2009 bis Anfang 2022 war er Chefredaktor der Fachzeitschrift HOTELIER. Der Hotelexperte testet darüber hinaus Hotels im In- und Ausland mit Hilfe einer eigenen Check-Methode. Er hat in den letzten Jahren als Buchautor mehrere Bücher im Bereich Tourismus und Hospitality verfasst und herausgegeben. Dr. Hans R. Amrein ist auch Mitglied in diversen Jurys, so zum Beispiel „Hotelier des Jahres“, „Hotel Innovation Award“, „Schweizer Winzer des Jahres“ und „Schweizer Sommelier des Jahres“ sowie Ehrenmitglied und Ambassador des Schweizer Sommelierverbandes (SSV). Seit 2018 ist er Dozent an Hotelfachschulen in der Schweiz (EHL). Dr. Hans R. Amrein gibt Vorlesungen und hält Seminare und Referate zu den Themen „Strategische Positionierung in der Hospitality Industrie“, „Schweizer Hotelgeschichte“ und „Hoteltrends“.

Seit 2017 ist Dr. Hans R. Amrein Mitinitiant und Publizist der Online-Fachplattform www.hotelinside.ch. Er lebt in der Schweiz (Bern) und in Italien. Laufen, Bike, Musik (eigenes Jazz-Trio), Wein und Zigarren gehören zu seinen Freizeitbeschäftigungen.

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