Nachhaltigkeit beginnt nicht bei Handtüchern. Sondern bei Menschen.

Mareike Reis, Inhaberin der Housekeeping Akademie – Transkulturelle Zusammenarbeit & Teamentwicklung.
Mareike Reis, Inhaberin der Housekeeping Akademie – Transkulturelle Zusammenarbeit & Teamentwicklung.
Wenn wir in der Hotellerie über Nachhaltigkeit sprechen, denken viele zunächst an Energieeinsparungen, Wasserverbrauch, Lebensmittelverschwendung, CO₂-Reduktion oder moderne Reinigungstechnologien. Wir diskutieren über Mehrwegkonzepte, nachhaltige Textilien, regionale Lieferketten und ökologische Standards – und das ist richtig und wichtig. Gleichzeitig habe ich in den letzten Jahren das Gefühl entwickelt, dass wir einen entscheidenden Teil der Nachhaltigkeitsdiskussion häufig ausblenden. Den Menschen. Seit über 25 Jahren begleite ich Teams in der Hotellerie – insbesondere im Housekeeping. Dort, wo Zusammenarbeit jeden Tag neu entsteht. Dort, wo unterschiedlichste Kulturen, Sprachen, Lebensrealitäten und Erwartungen aufeinandertreffen. Dort, wo Menschen gemeinsam Leistung erbringen sollen, obwohl ihre Vorstellungen von Kommunikation, Verantwortung, Hierarchie oder Teamarbeit teilweise sehr unterschiedlich sind.

Und genau dort beobachte ich seit Jahren etwas, das mich beschäftigt.

Viele Unternehmen investieren intensiv in Prozesse, Standards, Qualitätssicherung, Digitalisierung und Arbeitgebermarketing. Gleichzeitig höre ich in Gesprächen mit Hoteldirektor, Hausdamen sowie Führungskräften immer wieder dieselben Herausforderungen:

„Wir finden keine Mitarbeitenden.“

„Die Fluktuation ist zu hoch.“

„Die Qualität schwankt.“

„Die Stimmung im Team ist schwierig.“

„Die Kommunikation funktioniert nicht.“

Natürlich spielen äußere Faktoren eine Rolle. Arbeitsmarkt, Kostenentwicklung und gesellschaftlicher Wandel verändern die Rahmenbedingungen. Und trotzdem erlebe ich immer wieder: Die eigentlichen Herausforderungen beginnen oft nicht bei fehlenden Prozessen.

Sie beginnen zwischen Menschen. Also dort, wo Teams zwar gemeinsam arbeiten, sich aber nicht wirklich verstehen. Dort, wo Führung organisiert, aber keine Verbindung schafft. Dort, wo Missverständnisse entstehen, weil Dinge vorausgesetzt, aber nie ausgesprochen werden. Und: Dort, wo Menschen zwar körperlich anwesend sind – sich innerlich aber längst zurückgezogen haben. Ich glaube daher, dass wir Nachhaltigkeit weiterdenken dürfen.

Denn Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur, Ressourcen zu schonen. Nachhaltigkeit bedeutet auch, Zusammenarbeit so zu gestalten, dass sie langfristig tragfähig wird. Am Ende stellt sich jedoch eine einfache Frage: Was passiert eigentlich, wenn Mitarbeitende bleiben? Es entsteht weniger Einarbeitungsaufwand, Wissen bleibt im Unternehmen, Vertrauen wächst, Teams werden stabiler, Qualität wird verlässlicher und die Führung wird entlastet. Darüber hinaus sinkt häufig sogar der Ressourcenverbrauch, weil Abläufe ruhiger werden, Fehler reduziert werden und weniger Energie in ständiges Neuorganisieren fließt.

Stabilität spart somit Energie, nicht nur Strom. Besonders sichtbar wird das für mich in transkulturellen Teams. Denn Integration beginnt nicht mit einem unterschriebenen Arbeitsvertrag. Sie beginnt in den kleinen Momenten des Alltags. Dabei tauchen beispielsweise folgende Fragen auf: Wird wirklich verstanden, was erklärt wurde? Traut sich jemand nachzufragen? Kann Unsicherheit ausgesprochen werden, ohne als Schwäche bewertet zu werden? Darf jemand einen Fehler machen, ohne das Gefühl zu haben, sein Gesicht zu verlieren? Wird Unterschiedlichkeit als Belastung gesehen – oder als Stärke?

Ich erlebe immer wieder, dass Unternehmen viel Geld in Recruiting investieren – und gleichzeitig zu wenig Zeit in echte Integration. Dabei entscheidet sich genau dort, ob Menschen bleiben. Und zwar deutlich seltener über das Gehalt, als viele vermuten. Natürlich muss Vergütung fair sein. Aber Menschen bleiben langfristig selten ausschließlich wegen Geld:

Sie bleiben, wenn sie Orientierung erleben.

Wenn sie Sicherheit spüren.

Wenn sie wissen, was von ihnen erwartet wird.

Wenn sie sich zutrauen, Fragen zu stellen.

Wenn sie Fehler machen dürfen, ohne Angst vor Abwertung zu haben.

Und vor allem dann, wenn sie erleben: „Ich bin hier nicht nur Arbeitskraft. Ich gehöre dazu.“ Gerade in transkulturellen Teams wird dieser Punkt oft unterschätzt. Denn Zugehörigkeit entsteht nicht automatisch durch einen Arbeitsvertrag, eine Uniform oder einen gemeinsamen Dienstplan. Zugehörigkeit entsteht im Alltag, in der Art, wie miteinander gesprochen wird, in der Geduld, Dinge ein zweites Mal zu erklären, in der Bereitschaft, Unterschiede nicht sofort zu bewerten und in der Haltung, Menschen nicht vorschnell als schwierig, unmotiviert oder nicht passend einzuordnen. Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass Teams nicht an ihren Unterschieden scheitern. Sie scheitern häufig daran, dass niemand gelernt hat, mit diesen Unterschieden bewusst umzugehen. Denn Menschen müssen nicht gleich sein, um gut zusammenzuarbeiten. Aber sie müssen sich begegnen. Damit meine ich keine Teamevents, keine Motivationsplakate und keine Hochglanzwerte an der Wand. Ich meine vor allem echte Begegnung. Die Bereitschaft, verstehen zu wollen, bevor bewertet wird bzw. die Fähigkeit, die eigene Perspektive nicht automatisch für die einzig richtige zu halten sowie die Offenheit, das eigene Verhalten zu reflektieren. Aber auch die Erkenntnis, dass gute Zusammenarbeit nicht dadurch entsteht, dass Menschen identisch werden — sondern dadurch, dass sie lernen, Unterschiede auszuhalten und trotzdem Verbindung aufzubauen. Genau darin liegt aus meiner Sicht eine Form von Nachhaltigkeit, über die wir noch viel zu selten sprechen. Am Ende des Tages bedeutet Nachhaltigkeit nicht nur, Ressourcen zu schonen. Nachhaltigkeit bedeutet eben auch, Beziehungen so zu gestalten, dass Zusammenarbeit langfristig tragfähig bleibt. Unternehmen, die Verbindung schaffen, schaffen häufig etwas, das heute zu einem echten Wettbewerbsvorteil geworden ist:

Menschen, die bleiben.

Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Menschen, die ihr Wissen weitergeben.

Und Teams, die auch in herausfordernden Zeiten stabil bleiben.

Vielleicht ist genau das am Ende die nachhaltigste Form von Zukunft.

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